24.10.2018 | Fraktion trifft: Podiumsdiskussion: City-Logistik per Lastenrad – Ein Modell für Saarbrücken?

Wie können wir den Lieferverkehr in der Landeshauptstadt umweltfreundlich und nachhaltig gestalten? Unter diesem Motto stand die Podiumsveranstaltung der Grünen-Stadtratsfraktion am 23. Oktober im Theater im Viertel (‘City-Logistik per Lastenrad – Ein Modell für Saarbrücken?). Geladen hatte die Fraktion vier Experten, die sich mit der Thematik umweltfreundliche Logistik per Cargobike und Radverkehr im Allgemeinen beschäftigen. Gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen Stadtratsfraktion, Torsten Reif, und Moderator Oliver Hilt (Forum – Das Wochenmagazin) entwickelte sich eine spannende Diskussion im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltungssaal.

Kann eine Logistik auf der sogenannten letzten Meile (also der Weg vom Depot zum Empfänger) per Lastenrad eine Alternative zum Transport per Lkw sein? Mit dieser Frage hat sich Professor Dr. Jan Ninnemann von der Hamburg School of Business Administration und der Hanseatic Transport Consultancy während seinen Impulsvortrags zu Beginn der Veranstaltung beschäftigt. Ninnemann hat einen entsprechenden Modellversuch in der Hansestadt mit einem großen KEP-Dienstleister evaluiert. Die Idee des Versuchs: Von mehreren kleinen Depots in der Stadt, sogenannten Micro-Hubs, aus werden per E-Cargobike Waren weiter bis zu den Kundinnen und Kunden ausgeliefert. Letztlich können so auf das Jahr hochgerechnet zwischen 18.000 und 24.000 Fahrzeugkilometer, die ansonsten per Lkw zurückgelegt würden, in Hamburg eingespart werden. Davon profitiert folglich auch die Umwelt: Der CO2-Ausstoß kann von 25 bis 29,6 Tonnen auf rund 11,4 Tonnen reduziert werden.

Was zunächst sehr positiv klingt, ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden: Denn für die Micro-Hubs müssen erst geeignete Flächen gefunden werden, die oftmals rar gesät sind. Auch sind Fahrzeuge wie Cargobikes und sogenannte Cargocruiser von der Zuverlässigkeit noch weit von den üblichen Transportmitteln entfernt und ihre Anschaffung ist teuer. Außerdem bräuchte es neue Regularien  in der Straßenverkehrsordnung, was den Einsatz dieser Fahrzeuge angeht. Denn auf Radwegen können sie aufgrund ihrer Ausmaße in der Regel nicht verkehren.

Diese Probleme kennt auch Alexander Roe, Inhaber des Lastenrad-Bringdienstes  ‚Bringbock‘ in Hamburg, früher in Saarbrücken. Roe liefert mit Lastenfahrrädern zum Beispiel Lebensmittel und alles andere, was auf seine Ladefläche passt, zu seinen Kundinnen und Kunden. Man müsse als Lastenradfahrer mutig sein und im Straßenverkehr einfach mitschwimmen, berichtete er während seines Vortrages.

Inwiefern können sich nun Modellversuche im größeren Rahmen durch KEP-Dienstleister wie in Hamburg oder auch Städten wie München auf Saarbrücken übertragen lassen? Darüber entwickelte sich in der Podiumsrunde um Ninnemann, Roe, Reif, außerdem dem Radverkehrs-Aktivisten Harald Kreutzer, Thomas Abel (Inhaber ‘Cargo Velo Services’ in Saarbrücken), Torsten Schade (Inhaber ‘Tolle Räder’ in Saarbrücken) und dem Publikum eine rege Diskussion. Einig war man sich darin, dass in einem ersten Schritt generell die infrastrukturellen Voraussetzungen für den Radverkehr in der Landeshauptstadt verbessert werden müssen.

Autofahrer*innen und Radfahrer*innen müssten zu gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer*innen unter gegenseitiger Rücksichtnahme werden. Wie dies künftig aussehen kann, hat Torsten Reif exemplarisch am Beispiel der Wilhelm-Heinrich-Brücke dargestellt. Durch die neuen Radspuren, die deutlich rot markiert sind, werden Radfahrer*innen in Zukunft wesentlich sichtbarer von den Autofahrer*innen wahrgenommen. “Das wird jedem noch einmal vor Augen führen, dass eben auch Fahrradfahrer*innen in Saarbrücken unterwegs sind”, so Reif.

Neben der Problemstellung der Infrastruktur brachte ein Gast den sozialen und wirtschaftlichen Aspekt zur Sprache: Welches Interesse sollten Paketdienstleister an einem Lastenrad-System mit Micro-Hubs haben, zumal ihnen damit unter anderem durch Anschaffung der Fahrzeuge hohe Kosten entstehen? Professor Ninnemann wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Unternehmen an anderer Stelle Kosten einsparen. Denn für die Verteilung mit Lastenrädern werden keine Beschäftigten gebraucht, die für Lkw-Fahrten qualifiziert sind. Sie erhielten eine entsprechend geringere Vergütung. Letztlich liefen solche Modellversuche für die Dienstleister meist auf ein Nullsummenspiel hinaus. Konsens herrschte dann letztlich darüber, dass die Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer*innen in dieser Branche generell verbessert werden müssen, damit ihr Einsatz auch entsprechend gewürdigt wird.

Wie sich zeigt, sind die Anforderungen an eine moderne, umweltfreundliche Logistik hoch. Doch aus Sicht der Grünen Stadtratsfraktion darf letztlich kein Weg an einem Umdenken in diesem Bereich vorbeiführen, wenn man sich vor Augen führt, dass Verkehrsaufkommen und Umweltbelastungen durch den Transportverkehr weiter steigen und gerade aufgrund des wachsenden lokalen Versandhandels wie auch des Online-Handels immer mehr Lieferfahrten unternommen werden. Daher werden die Grünen Vorschläge erarbeiten und in den Gremien diskutieren, wie eine zukunftsorientierte, nachhaltige Logistik, zum Beispiel mit dem Micro-Hub- und Lastenradkonzepten, in Saarbrücken aussehen könnte.

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